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Aus Landschaftsgeschichten
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Die regionale Eigenart grenzt den Rahmen der erzählwürdigen Inhalte ab. In der Geschichten-basierten Naturvermittlung war bisher der Fokus vorwiegend auf allgemeingültige Zusammenhänge und Geschichten gerichtet. Geschichten zur Autökologie einzelner Arten sind dafür ein typisches Beispiel, denn sie gelten im gesamten Verbreitungsgebiet der angesprochenen Arten gleichermaßen, geben aber wenig Auskunft über die spezifischen Milieubedingungen eines konkreten Exkursionsgebietes.

Im Gegensatz dazu sind Vermittlungsinhalte, die an der landschaftlichen Charakteristik (hier als regionale Eigenart bezeichnet) ausgerichtet sind, schon in der Themenauswahl eine erste Information über die Bedeutsamkeit, die Wichtigkeit und den Beitrag zur Systemsteuerung bestimmter Erzählinhalte.

Der Raumbezug

Diese Raumgliederung Niederösterreichs (rot hervorgehoben der Teilraum Ötscher-Dürrenstein-Hochkar) stellt ein Beispiel für eine naturräumlich und naturschutzfachliche relevante Feingliederung der Naturräumlichen Gliederung Österreichs dar.

Grundsätzlich kann die landschaftliche Eigenart für jede Raumgliederung formuliert werden, die auf naturräumlicher Grundlage erstellt wurde. Raumbezüge, die auf Verwaltungsbasis erfolgen, sind für die Formulierung der regionalen Eigenart nicht geeignet. So sind beispielsweise Bezirksgrenzen durch oft Jahrhunderte zurückliegende Rechtssituationen entstanden und daher in vielen Fällen naturräumlich bedeutungslos. Eine der wichtigsten Forderungen an eine bezüglich der regionalen Eigenart „guten“ Raumgliederung ist die inhaltliche Homogenität sowohl in geomorphologischer Hinsicht, als auch was die Artenausstattung, die Nutzungsstruktur, das Regionalklima, die geologische Ausgangssituation und viele weitere Milieu-Parameter betrifft. Verwaltungsgrenzen fassen typischerweise unterschiedlichste Naturräume zusammen oder schneiden zusammengehörige Raumsituationen entzwei. Als Beispiel sei der niederösterreichische Bezirk Melk genannt, der im Nordwesten das Granithochland mit über 1000m Seehöhe erreicht im Süden in den Voralpenbereich von Scheibbs reicht und in der Raummitte die obere Wachau einschließt. Dadurch sind so unterschiedliche Landschaften wie das Granit- und Gneishochland, der wärmegetönte „Finger“ der Donau, die schmale Flyschzone und der kalkalpine Vorbau der Niederösterreichischen Kalkalpen zusammengefasst, also lauter Teillandschaften mit völlig unterschiedlicher Naturausstattung, unterschiedlichen Entwicklungspotenzialen und unterschiedlichen Nutzungskonflikten.

Als gute Ausgangssituation für eine sinnvolle Raumgliederung sind die naturräumlichen Gliederungen der Länderatlanten aus den 60er-Jahren anzusehen, wie beispielsweise die Werneck-Karten im Niederösterreich-Atlas oder seinem Pendant im Oberösterreich-Atlas. Für Niederösterreich ist die Raumgliederung der Erstausgabe des Naturschutzkonzeptes ein brauchbarer Einstieg, für Oberösterreich die etwas größerräumliche Gliederung im Konzept NaLa.

Die Naturräumliche Gliederung Österreichs,[1] wie sie als Basis für die Natura-2000 Richtlinien, oder als forstliche Wuchsraumgliederung verwendet wird, ist zwar der richtige methodische Ansatz, allerdings zu großräumig um bezüglich der regionalen Eigenart typische Merkmals-Sets zuzulassen. Auf dieser Raumdimension bleiben den Räumen zugeordnete Eigenarts-Aussagen vage und wenig konkret.

Auch wenn die naturräumliche Gliederung in dieser Form noch nicht hoch genug aufgelöst ist, um die jeweilige landschaftliche Eigenart daran festzumachen, ist sie eine gute, hierarchisch übergeordnete Raumgliederung, deren Teilräume noch weiter untergliedert werden sollten.

Die Herleitung der Eigenart

Aus alter Naturschutztradition wird die regionale Eigenart oft fälschlich als die Summe aller schützens- und erhaltenswerter Objekte verstanden. Das kann richtig sein, im Normalfall gibt eine so formulierte Eigenart allerdings ein verzerrtes Bild der realen Landschaft wieder, da naturschutzfachliche Entwicklungsziele im Vordergrund stehen, nicht aber die reale Gebietscharakteristik.

Eine methodisch sehr saubere Lösung des Herleitungsproblems besteht darin, die Eigenart in drei Themengruppen aufzugliedern:

  • Ausstattungen und Nutzungen
  • Entwicklungspotenziale
  • Wirkungszusammenhänge

Räumliche Ausstattungen

Unter dem Begriff Räumliche Ausstattungen sind alle Merkmale zusammengefasst, die sich in Objekten, Strukturen und Mustern visuell erfassen lassen. Eine mehr oder weniger vollständige Erfassung eines Raumes ist sehr zeit- und kostenintensiv und liegt nur in Ausnahmefällen bereits vor.

Im Sinne einer Bearbeitungseffizienz sind daher zuerst jene Merkmale und Merkmalsgruppen auszuwählen die den zu bearbeitenden Raum gut charakterisieren und gegebenenfalls weiter untergliedern können. In der Praxis haben sich die Geomorphologie oder die Flächennutzung als Charakterisierungsmerkmale gut bewährt. Zu beiden Themenfeldern liegen österreichweit gute Basisdaten vor. Das digitale Höhenmodell und seine Visualisierungen (Schraffenkarten, Schichtlinienkarten etc.) sind als OpenData-Inhalte vorhanden, die Nutzungsmuster sind aus den im Netz frei verfügbaren Satellitenbildern ableitbar. Gute geomorphologische Karten sind auch in den Länderatlanten der einzelnen Bundesländer enthalten.

Bodenbezogene Merkmale eignen sich wegen der unmittelbaren Relevanz für Nutzungsart, Nutzungsintensität und auf die potentielle Vegetation ebenfalls sehr gut zur Formulierung räumlicher Eigenart. Für den landwirtschaftlichen Raum sind Bodenkarten österreichweit frei verfügbar (Web-GIS-Applikation eBOD[2]).

Bodenkarten aus den forstlich bewirtschafteten Flächen sind in dieser Kartierung leider nicht enthalten.

Zu den klassischen biotischen Ausstattungen zählen die Tier- und Pflanzenarten. Flächendeckende Aussagen dazu sind nur in wenigen Teillandschaften Österreichs vorhanden und dann auch nur für bestimmte Organismengruppen. Wegen der gut erforschten Zeigereigenschaften lassen sich über das Vorkommen von Tier- und Pflanzenarten meist sehr gute Eigenschaftsprofile eines Landschaftsraumes ableiten. Welche Organismengruppen dazu besonders gut geeignet sind lässt sich nur im jeweiligen Einzelfall beantworten. So sind in großen Offenlandschaften Vögel ein zielführender Erhebungsinhalt, da damit gleichzeitig die Ausstattung des Raumes (und deren Wirksamkeit) ersichtlich wird. Für kleingekammerte Mosaiklandschaften sind die kammerbildenden Vegetationselemente selbst eine aufschlussreiche Merkmalsgruppe. Bei der Auswahl charakteristischer biotischer Parameter sollte die Auswahl danach erfolgen, wieviel Raumeigenschafts-Information damit generiert wird. Der aus alter Naturschutztradition eingeübte Reflex, schützenswerte Arten zu wählen bringt zwar ein gutes Bild bezüglich des naturschutzfachlichen Handlungsbedarfes, aber das ist eine völlig andere Aufgabenstellung. In Bezug auf die Eigenart eines Stückes Landschaft sind weniger seltene Ausstattungsmerkmale informativer. Das Konzept der Charakterarten, wie es in der Vegetationskunde und der Geobotanik entwickelt wurde, ist ein guter Einstieg in die Artenwahl für die Konkretisierung der regionalen Eigenart. Es basiert im Wesentlichen auf der Selektion einer Art (oder eines Taxons), die eine Vegetationsgesellschaft beschreibt und sie auch nach dieser Art benennt (z.B. Kletten-Gesellschaft). In der Tiergeografie sind es Arten, die vorzugsweise/ausschließlich in einem bestimmten Lebensraum vorkommen. Gut gewählte Organismengruppen und/oder Arten beziehen sich demnach auch gleich auf gebietstypische Vergesellschaftungen von Organismen, oder den durch sie geschaffenen Strukturen.

Für die Formulierung der regionalen Eigenart ist die Artebene nicht unbedingt notwendig. Inhalte von Biotopkartierungen, der Erhebung von Landschaftselementen oder Vegetationsstrukturen enthalten meist gute Hinweise auf den Landschaftscharakter, besonders dann, wenn die herangezogene Struktur in ihrer Artenzusammensetzung oder ökologischen Funktion als homogen und vergleichbar angenommen werden kann. Beispiele sind die agrarischen Zwischenstrukturen (Stufenraine), Hage und Hecken im Grünland oder die Saumgesellschaften an Waldrändern.

Eine Sondersituation im Landschaftscharakter kommt dem Wasserhaushalt zu. Ähnlich wie bei bodenkundlichen oder geologischen Daten zeigen sich die Auswirkungen des Wasserhaushaltes im Artenvorkommen, oder den daraus resultierenden Artenkombinationen und Vergesellschaftungen. Aspekte des Wasserhaushaltes lassen sich aber auch als eigener Dateninhalt darstellen, etwa über die Abflussmengen eines Raumes, über die Dichte und Musterung der Oberflächengewässer oder über die Mächtigkeit und den Flurabstand des Grundwasserkörpers.

Ein Komplexparameter, in dem Exposition, Neigung, Luftabflussbahnen, Boden und Wasserhaushalt enthalten sind, ist die regional- und kleinklimatische Situation. Eine Kenngröße, die diese Klimaverhältnisse gut wiedergeben kann (und auch mit wenig technischem Overhead auskommt) ist die phänologische Ansprache der Vegetation. Blattaustrieb, Blühzeitpunkte, Samenreife sind beispielhafte Beobachtungsinhalte.

Nutzungen

Fast alle Lebensräume Österreichs unterhalb der Baumgrenze sind mehr oder weniger stark von landschaftsrelevanten Nutzungen geprägt. Die Art der Nutzung, aber auch die Nutzungsänderung hat nicht nur großen Einfluss auf Artenvorkommen, Pflanzengesellschaften und tierökologische Eignung eines Landschaftsausschnittes sondern auch auf das Regionalklima, die Nachhaltigkeit der Nutzung, der Stabilität des Bodens und viele andere Raumeigenschaften.

Daten zur Nutzungsverteilung sind in den Grundlagendaten der regionalen Raumplanungsunterlagen zu finden, aber auch die frei im Netz verfügbaren Luftbilder können bezüglich einer groben Abschätzung der Nutzungssituation herangezogen werden.

Zu den Highlights der Nutzungsdaten gehört jedenfalls der Franziszeische Kataster. Dieses in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasste Kartenwerk bildet den damals zur österreichischen Monarchie gehörigen Großraum in parzellenscharfen Nutzungen ab. Das ursprünglich als Steuerkataster entwickelte Kartenwerk differenziert den agrarischen Raum nach den damals aktuellen Landnutzungen und kann zusammen mit dem zur Karte gehörigen Textteil gut zur Klärung der historischen Nutzung, der Nutzungsgeschichte und auch dem Nutzungspotential herangezogen werden.

Der Franziszeische Kataster, manchmal auch Urmappe genannt, ist bei den Vermessungsämtern und den Landesarchiven der Bundesländer für jedermann zugänglich, für einige Bundesländer auch im Internet erreichbar.[3]

Ältere Kartenwerke kommen im Präzision und Aussagewert nicht an diesen Kataster heran, etwa die Josephinische Landesaufnahme (zweite Hälfte 18. Jhdt.) oder die Vischer-Karten (zweite Hälfte 17. Jhdt.).

Entwicklungspotenziale

Unter Entwicklungspotenzial wird hier die Summe aller Fähigkeiten eines Landschaftsraumes verstanden, Ausstattungen hervorzubringen oder (natürliche) Prozesse einzuleiten. Zumeist sind die dazugehörigen Entwicklungen und Veränderungen schon im Ansatz erkennbar oder schon eingeleitet. Beispiele dafür sind z.B. das Vernässungspotenzial, das Potenzial für eine Art einen stabilen Lebensraum zu bieten (Wachtelkönig-Potenzial), oder das Potenzial zu langzeitstabilen Klimaxgesellschaften zu führen.

Entwicklungspotenziale sind dann besonders relevant, wenn in der Nutzung oder Nutzungsaufgabe deutliche Trends erkennbar sind.

Wirkungszusammenhänge

Wie alle komplexen Systeme sind auch Landschaftsräume durch zahlreiche Abhängigkeiten gekennzeichnet. Die Analyse der Wirkungszusammenhänge erschließt das „Funktionieren“ des betrachteten Landschaftsausschnittes und stellt die zuvor erfassten Ausstattungen und Potenziale in ein Beziehungsgefüge. Dabei bekommen sie eine Gewichtung und einen Stellenwert in der Darstellung der regionalen Eigenart.

Zu den betrachteten Wirkungszusammenhängen zählen beispielsweise der genetische Austausch einzelner Arten, die Lagebeziehungen von Vorkommensräumen, Wanderwege überregional vorkommender Arten usw.

Résumé

Wie bei allen bisher für die Formulierung der Eigenart herangezogenen Parametern geht es nicht um eine möglichst hohe Vollständigkeit der Beschreibung, sondern um eine selektive Auswahl jener Aspekte und Charaktermerkmale eines Landschaftsraumes, die ihn pointiert darstellen.

Man sollte sich bei der Arbeit am Eigenartsbegriff immer vor Augen halten, dass das eigentliche Ziel nicht eine umfassende Totalbeschreibung des gewählten Raumes ist, sondern ein Beschreibungsgerüst mit jenen Knoten als Anbindungsstelle, an denen die Geschichten über die Landschaft „eingehängt“ werden können.

Das Ideal einer solchen Gebietseigenart sollte es sein, für jede über den Raum erzählte Geschichte eine fachliche Begründung für die Geschichtenauswahl zu liefern. Andererseits sind die Beschreibungsinhalte eine To-do-Liste für zu erzählende (oder zu erfindende) Geschichten.

Eine Kurzfassung der Eigenart des Teilraumes Weinsberger Wald im südwestlichen Waldviertel könnte beispielsweise so aussehen:

Landformen
Hochmontaner Teil des kristallinen Grundgebirges mit mäßiger Reliefenergie und typischen kugelig verwitternden Felsburgen aus Grobkorn-Granit (Weinsberger Granit). Als höchster Flächenteil des südwestlichen Waldviertels (und östlichen Mühlviertels) Quellgebiet mehrerer Abflusssysteme: Ysper, Kamp, Sarmingbach. Zahlreiche Teichanlagen als Relikte ehemaliger Schwemmteiche und für den Holztransport ertüchtigte Bachläufe und Schwemmkanäle.
Nutzung
Überwiegender Gebietsanteil forstwirtschaftlich genutzt. Zentrale Waldbereiche zum Großteil in herrschaftlichen Großgrundbesitz (Fichtenforste), an der Peripherie kleinbäuerlicher Besitz (typischer Bauernwald mit abweichender Waldstruktur). Tendenz zur Naturverjüngung statt Kahlschlagwirtschaft, Wildgatter häufig. Landwirtschaftsflächen historisch bedingt sehr kleinflächig.
Struktur
Große, geschlossene Waldgebiete mit einheitlicher Altersklassenstruktur. Rodungsinseln in Hochlage mit felsblockreichen Wiesenhängen, Feuchtwiesen und naturnah zusammengesetzte Waldgesellschaften. Sammelsiedlungen aus ehemaligen Waldarbeitersiedlungen ohne gewachsene Baustrukturen (Haufendörfer) und Weilersiedlungen.
Vegetation
Ehemals weitläufiger Buchen-Tannen-Fichtenwald heute nur mehr kleinflächig. An Steilhängen und Bergkuppen inselartig montane Waldgesellschaften in Form von Linden-Spitzahorn-Hasel-Felswäldern, Bergahorn-Buchenwäldern oder Silikat-Blockfichtenwäldern. Offeninseln der Rodungsbereiche mit Bürstlingsrasen und horstig bewachsenen Feuchtbrachen und Gehölzen (Aschweiden, Birken) als Vegetationskomplexe außerordentlicher Qualität.

Bei einer auf die so formulierte landschaftliche Eigenart aufbauenden Geschichtensammlung könnte es Geschichten geben, deren Verknüpfung mit dem Raum nicht erkennbar ist. In solchen Fällen muss die bereits fertig formulierte Eigenart soweit „aufgebohrt“ werden, dass solche Geschichten einen Anker in der Raumeigenschaft bekommen. Wenn beispielsweise über die Wald-Hainsimse, einem Element der Waldbodenvegetation gesprochen wird, müsste man die Zeile: Ehemals weitläufiger Buchen-Tannen-Fichtenwald ergänzen um den Zusatz: mit typischen Wald-Hainsimse-Streifen entlang ehemaliger Gräben.

Quellen

Georg Schramayr

Einzelnachweise

  1. Umweltbundesamt GmbH im Auftrag des BMNT: Die Natürliche Gliederung Österreichs (Karte)
  2. Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW): eBOD2
  3. Arcanum (Budapest): MAPIRE - Das Portal für Historische Karten